Zensur in Hollywood auf dem Vormarsch… | Film-Freak

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Zensur in Hollywood auf dem Vormarsch…

Dominik Schuierer
Special-Typ:
Veröffentlicht am Donnerstag, 21.09.2017, um 13:02 Uhr

Nicht allen wird es bewusst sein, aber Zensur in Hollywood blickt auf eine Geschichte zurück, die beinahe so lange zurückreicht, wie es Filme gibt: Die „guten alten“ Hollywoodstreifen wirken zuweilen etwas befremdlich – insbesondere was zwischenmenschliche Interaktion betrifft. Auf der anderen Seite erinnern wir uns an (zumindest) verbal explizite Serien (wie beispielsweise „Sex and the City“ oder „Californication“).

Ob dieser sehr konträren Beispiele erhebt sich irritiert die Frage: Wieso kämpft die Regie amerikanischer Talkshows wortgewaltig mit „Wegpiepsen“ gegen profane „F-Words“, wenn Sarah Jessica Parker gerade noch in seelenruhigen Schuhbesessenheit über Samanthas graue Schamhaare diskutieren darf:

Wie immer überfällt den unwissenden Zuschauer die Erkenntnis vollkommen unvorbereitet und bedarf aufgrund ihrer (Achtung Sarkasmus!) nachvollziehbaren Logik keinerlei weiterer Erklärung: Die FCC (die Behörde, die unter anderem über die Rundfunkfrequenzen wacht) verbieten den Gebrauch des „Gemeingutes“ (Radio) für Profanitäten. Samantha und Carrie gingen ihrem beischlafgetriebenem Horizontalhobby jedoch im Kabelfernsehen nach („HBO“). Folglich fehlt der FCC die Kompetenz, diesen Kanal sittenrein zu halten. Wer jetzt ignorant den Kopf schüttelt, sollte sich wappnen für Geschichten aus der grauen Vergangen von Hollywood – früher war alles schlimmer!

Der Beginn des moralischen Verfalls

Ein kleiner Zeitsprung führt uns zurück ins Hollywood der „wilden 20er“. Die Studios marschierten gerade auf den den Zenit ihrer Macht zu und unterhielten aufgrund ihrer schieren Größe teils sogar eine eigene Polizeitruppe. Das schien auch notwendig, denn die Kreativen der Branche zeigten eine gewisse Neigung, bei Ihren lasterhaften Partys über die Stränge zu schlagen. Die Geschichte wähnt als Höhepunkt den sogenannten „Arbuckle Skandal“: Die 30 jährige Schauspielerin Virginia Rappe erlag, nachdem sie auf einer Feierei über Schmerzen klagte, einige Tage später einer Bauchfellentzündung. Eine üble Affaire braut sich zusammen, voller Erpressungs-, Vergewaltigungs- und Vertuschungsvorwürfen. Der Komiker Arbuckle wird am Ende von einem Geschworenengericht freigesprochen, doch er wird den Ruch des Verdachts nie verlieren. Zumindest der mit Hollywood verbundene Sensations-„Journalismus“ erblickte mit dieser Affaire das grelle Scheinwerferlicht der grausamen Öffentlichkeit. Man konnte sich nicht mehr vor den Skandalen der Glamourbranche verschließen.

Pre-Code

Schon 1915 gelangte das amerikanische Verfassungsgericht zu der Einsicht, dass Filme nicht unter den Verfassungszusatz der Meinungsfreiheit zu fallen hatten. Doch es fehlte eine landeseinheitliche Gesetzgebung. Ohne synchronisierte Regelung handhabten die einzelnen Bundesstaaten unterschiedlich, was sie für „grenzwertig“ für das Kinopublikum hielten. Das Material musste umgeschnitten werden, je nach Ort an dem es gezeigt wurde. Ein unhaltbarer Zustand.

1930 beauftragt man William H. Hayes eine Ordnung zu erarbeiten, die fortan als sichere Regel für die Filmschaffenden gelten sollte. Die Filmbosse atmeten auf – und ignorierten “den Code”. Die Nachwehen der Wirtschaftskrise von 1929 treibt die Produktionsfirmen an, immer neue Schocker auf die Leinwand zu schicken. „King Kong„, „Frankenstein“ und „Scarface“ übertreten bewusst Sehgewohnheiten und „den Code“, um die Kinos zu füllen. Doch mehr und mehr formiert sich die Gegenbewegung der „National Legion of Decency“, die ihre Anhänger auffordert, bestimmte Filme (beispielsweise „Baby Doll„) zu boykottieren. Die Studios fühlten den Druck der Ticketverkäufe.

Der Production Code

Joseph Breen wurde mit der Durchsetzung des Hayes Code beauftragt. Sein Einfluss reichte bis in das Jahr 1952 (offiziell wurde der Code 1968 abgeschafft), als von richterliche Seite entschieden wurde, Filme (endlich) unter das Recht der Meinungsfreiheit zu stellen.

Die Regeln des Codes erscheinen, nach heutigem Verständnis prüde und der moderne Mensch fragt sich, wie unter diesen Umständen Filme gedreht werden konnten. Auf der Liste standen schockierende Dinge:

  • Mann und Frau (unverheiratet) sollten nicht auf dem selben Bett sitzen (und alles was daraus entstehen könnte sowieso nicht tun)
  • Küsse dürfen nicht länger als zwei bis drei Sekunden dauern
  • Mörder und Opfer dürfen nicht in der gleichen Einstellung gezeigt werden
  • Gleichgeschlechtliches Küssen war extremst verboten

„Hitch“ knutscht weiter

Witzigerweise empfanden die Großmeister der Regie diese Regeln durchaus als Herausforderung. So erlaubt sich Altmeister Hitchcock in „Notorious„, von 1946, eine fraglos “konforme”, aber hocherotische Szene, mit der er den Zensoren ihren „Production Code“ wie eine schallende Ohrfeige ins Gesicht klatschte.

Auch als ihn das Studio zwingt, in der Endszene von „Der Unsichtbare Dritte“ ein verbales „Misses Thornhill“ einzufügen (und damit die Bettszene als Akt eines verheirateten Paares zu legalisieren) , rächt er sich mit einem schwer missverständlichen Einspieler, der (direkt nach der Bettszene) einen Zug (unzweideutig) in einen Tunnel rasen und den Film in die Entcredits übergehen lässt:

Befreit, endlich.

Nach der Abschaffung des Codes in den 1970er Jahren schien das Kino die neue Freiheit mit Filmen wie „Clockwork Orange“ und „Taxi Driver“ zu feiern. Befreit von den Fesseln der Zensur regiert heute die Herrschaft des schnöden Geldbeutels. Ohne Zielgruppenanalyse sprengt Michael Bay nicht einmal eine leere Tüte saure Milch. So ein Blockbuster will gut geplant sein und sollte möglichst auch auf dem chinesischen Markt ohne langen Marsch in der Zensurschleife einschlagen wie eine Bombe. Lokalisierte Productplacements und andere Schnittfassungen sollen die neuen Märkte erobern.

Was meinst Du – stehen wir heute besser oder schlechter da als zu Zeiten des “Procution Codes”?

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