Hat Kino das Technik-Wettrüsten verloren? | Film-Freak

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Hat Kino das Technik-Wettrüsten verloren?

Dominik Schuierer
Veröffentlicht am Freitag, 08.09.2017, um 10:56 Uhr
Achtung:

Diese Kolumne stellt nur die Meinung des Autors dar und nicht die der gesamten Film-Freak Redaktion!

„Todgesagte leben länger.“ Sagt man. Gilt das auch für das Kino? Technik-Schlachten und der Fernseh- und Internet-Konkurrenz geschuldete Grab-Reden gibt es schon lange. Aber muss man wirklich schon in den Abgesang einstimmen? 

Schon seit Einführung des Fernsehens kämpfen die Kinobetreiber gefühlt um ihr Überleben. Den Satz: Jetzt werden wir alle untergehen,  muss ein langjähriger Mitarbeiter wohl schon ein dutzendmal gehört haben. Ein endloser Modernisierungsprozess setzte sich in Gang. Überspringen wir geflissentlich die farblosen Wehen der Medienwiedergabe und starten im Farbfilmzeitalter. Die ersten Fernsehsendungen wurden in Deutschland im Dezember 1952 ausgestrahlt. Im selben Jahr erwarb die „20th Century Fox Film Corporation“ die Rechte an einem Verfahren, das mit dem herkömmlichen Film aufgrund einer Art optischen Kompression ein breiteres Bild erlaubte. Das Verfahren „Cinemascope“ bleibt bis heute das qualitativ beste Mittel der Wahl für „analoges“ Breitbild. Zu diesem Zeitpunkt begann die Lücke zwischen Kino und Fernsehen (zu Gunsten des Kinos) weiter und weiter auseinanderzuklaffen. Deutlich schärfere, größere und angenehm-breite Farbbilder erkannte jeder Zuschauer sofort als überlegen gegenüber der kleinen krummen schwarz-weiß Bildröhre zu Hause.

Lange Zeit passierte wenig. Erst 1967 wurde das Fernsehen in Deutschland farbig, 1976 erfand JVC den VHS Videorekorder. Eine neue kleine Revolution braute sich zusammen: Filme wurden für den Normalmenschen in voller Länge transportabel. Zwischendurch versuchte die Super-8 Schmalfilmvariante mit gekürzten Fassungen vergeblich Fuß im Heimprojektor-Kino zu fassen. Zeit für das nächste Technik- Upgrade der Filmindustrie: Etwa 1975 fand der Stereo-Ton Einzug in die Lichtspielhäuser, was dem (wirklich) ersten Teil von „Krieg der Sterne“ 1977 die tonale Zweikanaligkeit brachte (und den stets unzufriedenen Meister Lucas später dazu veranlasste, sich um die Wiedergabetechnik seiner Werke zu kümmern). In den meisten deutschen Wohnzimmern flackerte zu dieser Zeit noch ein schwarz/weißer Röhren-Bolide.

Der zweite Kanal: Stereo 

Die ersten Stereo-Test-Ausstrahlungen drängten sich (im Deutschen Fernsehen) etwa 1985 in der Äther (Hifi Stereo Videorekorder waren zu diesem Zeitpunkt zwar entwickelt, aber praktisch nicht in der freien Wohnzimmerwildbahn anzutreffen). 1986 führt Dolby „Dolby SR“ („Spectral-Recording“ nicht „Surround“, wie oft fälschlicherweise tituliert) ein. Dieses Format brachte endlich vier Tonkanäle in die Lichtspielhäuser (clever in die alten analogen Stereospuren hineingeschummelt). Zusammen mit dem 1982 von Lucasfilm eingeführten „THX“ Prüfsiegel, baute das kommerzielle Kino leger den qualitativen Abstand gegenüber der Heim-Konkurrenz aus.

Der gute Ton 

Unpassend wäre es, die folgende Zeit als Ruhephase  zu bezeichnen, denn die Tontechniker konnten die Füße nicht stillhalten. In den 90ern erfand Dolby ein Digitaltonverfahren, das einem analogen Filmprojektor (und Film) problemlos nachgerüstet werden konnte. Da die Konkurrenten mit Sony (SDDS) und DTS bereits den ganzen physischen Platz auf dem Filmstreifen verbraucht hatten, machte Dolby aus der Not eine Tugend und packte ihre Toninformation zwischen die Perforationslöcher des Films. Durch die Digitalisierung stieg die Qualität des Tons erheblich. Zwischendurch folgten ein paar Irrwege bei denen man versuchte, mehr und mehr Kanäle in den Kinosaal zu quetschen – mehr Front und Rücklautsprecher schien die ausgerufene Devise.

Das gute (digitale) Bild

Im Heimkino revolutionierte unterdessen 1997 mit der DVD ein digitales Videomedium den Wiedergabemarkt. Die effektive Auflösung übertraf selbst die guter SVHS Videobänder deutlich, konnte aber nicht aufzeichnen. Enthusiasten hatten auch schon lange damit begonnen, mehr Lautsprecher ins Wohnzimmer zu stopfen als mancher Ehefrau lieb war. Dolby Digital („AC3“) war nicht zu stoppen, krankte aber oft an fehlenden Inhalten (im Fernsehen gab´s damals immerhin „Wetten dass“ in Surround).
Zurück in den Wohnzimmern begann nach der Jahrtausendwende ganz zaghaft der Umschwung zu größeren Wiedergabeformaten. Der Standard-80cm-Bildschirm streckte sich behutsam in Richtung 90cm und die ersten Verrückten schleppten Breitbild-Röhrengeräte aus den Hifi- Märkten. Langsam erreichten auch Rückprojektoren (für damalige Zeiten recht flache Fernseher mit „zusammengewickeltem“ Projektionssystem) bezahlbare Regionen.
Der erste Blu-Ray-Player für Konsumenten wurde 2003 ausgeliefert (kämpfte allerdings bis 2008 mit dem Rivalen „HD DVD“ um die Märkte) und brachte eine ungewohnt hohe Auflösung auf die weiter expandierenden (in Zahl und Größe) Heim-Mattscheiben.
Man versuchte auf Seite der Kinos, sich die Lage schönzurechnen. Analoger Film hätte mehr Pixel als eine 2k Projektion („Full HD“) und so weiter. Doch der Widerstand bröckelte und mehr und mehr digitale Projektoren wurden aufgestellt. Im Jahre 2010 waren etwa 16.000 Kinoleinwände digitalisiert (heute schätzt man die Digitalisierungsquote auf 98%). Die Revolution schien am Ende.

Die dritte Dimension

Geschichtlich betrachtet war an dieser Stelle der Wohnzimmerglotzer mit finanzieller Motivation eines Kleinwagens in der Lage, dem mittleren Dorfkino Paroli zu bieten. Die Konkurrenz-Lage wurde ernster. Zeit für eine neue Dimension: Für viele brachte 2009 James Camerons „Avatar“ nicht nur den Aufbruch nach Pandorra, sondern auch in die „Ära 3D“. Saftige Aufpreise für „3D Vorstellungen“ rechtfertigten die Mehrkosten auf Projektionsseite. Eine Entwicklung im Abflauen. Inzwischen erscheinen wieder weniger Neuproduktionen in dieser Technik. „Peak-3D“ (das Maximum an Produktionen pro Jahr in diesem Format) gehört der Vergangenheit an. Im Heimbereich erwies sich der Trend als noch kurzlebiger. „Viel gekauft, wenig genutzt“ – kurz zusammengefasst. Seit etwa 2015 scheint sich die Lage grundlegendst verkehrt zu haben. Filmpiraten veröffentlichen – teilweise hochwertige – Bluray Rips vor dem deutschen Kinostarts, den die (englisch sprechenden) Kinofans auf dem heimischen 60“ Fernseher ohne Aufpreis genießen können. Die gesetzestreuen Kollegen streamen per Onlinedienst 4K Inhalte, die es im Kino kaum gibt, für die ganze Familie frei von „Popcornsteuer“ und Werbung.

Was jetzt? Mehr! Aber was?

Die Filmtechniker rühren verzweifelt im Technikarsenal. Höhere Bildrate (,mehr als 24 Bilder pro Sekunde) sollte die (Kino)Welt retten – und floppte. HDR (Hoher Helligkeitskontrast) wird vom durchschnittlichen Zuschauer (der gerade gelernt hat, die 3D Vorstellung zu meiden) kaum bemerkt. Völlig überraschend brachte Dolby mit „Atmos“ eine neue Sound-Revolution ins Rollen. Deckenlautsprecher sorgen für ein genial neues Klangerlebnis. Die Chance für Betreiber „abgesessener“ Kinos, jetzt die große Renovierung durchzuführen. Die Heimkinoelite folgt auf den Fersen – der ewige Wettlauf könnte mit einem klaren „Unentschieden“ enden: Der große Saal wird weiterleben, aber nicht wie früher. Die Zuschauer akzeptieren die alten engen Sitze nicht mehr. Abgenutzte muffelige Säle will keiner mit gut Zehn Euro pro Vorstellung subventionieren. Es geht nicht mehr alleine darum, den Film zu sehen. Das müssen alle begreifen. Die Gesamtperformance muss stimmen. Der angenehme Abend mit Freunden an einem netten Ort (am besten mit Gastronomie, die das Pommesbudenimage abgelegt hat) – das fordern die Kunden.

Der letzte Aufstand.

Das widerstände Aufbäumen währt wahrscheinlich nur noch zur anstehenden letzten großen Umkremplung. Irgendwann werden die Verleiher sich breitschlagen lassen und (gegen natürlich horrende Preise) einen Film zum Kinostart auch per Streaming in die Wohnzimmer zu schicken. Der Familienvater mit Zwei Kindern rechnet heute schon mit knapp 100 Euro für den Unterhaltungs Spaß („…will noch jemand Popcorn?“). Eine technologische Antwort wird schwerfallen (Größer? Noch mehr Auflösung? Noch mehr Dimensionen? Geruchskino?). Sich passend bewegende Sitze werden zaghaft heute schon verbaut („D-Box“), dürften aber eine Jahrmarktattraktion bleiben. Die Betreiber sollten sich darauf konzentrieren, das Gesamterlebnis als Alleinstellungsmerkmal ihrer Branche zu sehen. Die Zeiten des Wettrüstens haben wir bald hinter uns gelassen. Das selektive Aussterben derer, die den Trend nicht sehen, wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Wie sieht es bei Dir aus? Gehst Du noch ins Kino oder streamst Du schon?

In der Kurzfassung:
Fernsehen und Kino lieferten sich seit Uhrzeiten ein endloses Technik Wettrüsten. Können die Kinobetreiber überhaupt noch gewinnen?

Alle Infos zu dem erwähnten Film:

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